Der große John Malkovich spielt in Recklinghausen auf einer großen Bühne den großen Casanova. Bitte denk jetzt daran, dass Recklinghausen zu einer chaotischen Wahnsinnslandschaft aus Industrie-Ruinen gehört, die aussieht wie der Todesstern in Star Wars. Leider wurde das Ruhrgebiet, ander als der Todesstern, nicht gesprengt und so betrinken sich die meisten Bewohner jetzt nur noch mit sehr viel Bier und prügeln sich im Stadion mit den Nazis. Da kann also ein wenig Kultur nicht schaden, dachte man sich wohl und erfand die Ruhrfestspiele. Und nun spielt John Malkovich auf dem Todesstern Theater.
Die Produktion The Giacomo Variations ist eine klassisch inszenierte, aber wild kombinierte Mischung aus Schauspiel, Oper und Musical mit Stücken von Mozart und barocken Klamotten. Der pensionierte Casanova hat den spaßigen Teil seines Lebens hinter sich, aber anstatt senil zu werden, überlegt er sich, wie viele Damen es wohl gewesen sein könnten und schreibt aus lauter Langeweile seine Memoiren. Jeder weiß, dass diese ausufernde Beschäftigung mit sich selber nicht selten eine abstoßende, unsoziale Person aus dir macht und weil sich John Malkovich nach eigenen Angaben am besten mit unsympathischen Rollen identifizieren kann, hat er seine Perücke gepudert und feiert eine Woche lang den melodramatischen Abgang eines legendären Ladykillers. Wir sind hingefahren, um ihn zu treffen, uns die Lachs- und Parmaschinken-Schnittchen reinzuhauen und nach der geheimen Tür in seinem Kopf zu suchen.
Videos by VICE
John Malkovich starrt ins Leere.
Vice: In Giacomo Variations hat Casanova eine Krise. Er ist alt geworden und kann damit nicht umgehen. Wie stehst du dazu? Denkst du, es ist schmerzhaft, die eigenen Memoiren zu schreiben, weil es das Letzte ist, was zu tun bleibt?
John Malkovich: Ja – ich meine… ich würde es nicht unbedingt Krise nennen. Naja, mein Leben war so einfach und ich habe nicht das Recht, mich über irgendetwas zu beschweren – aber ich kann im Moment kaum laufen und werde morgen auf der Bühne stehen – was soll ich machen? Keine Ahnung – ich werde es überleben, schätze ich. Und wenn nicht, ist das mein Problem. Das Leben endet immer beschissen. Also was kann man anderes tun, als sich die ganze Sache so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich will nicht in deinem Alter sein, aber ich wünsch dir viel Glück! Ich bin mit meinem Alter schon zufrieden und wenn in einer Woche, einem Monat oder zwanzig Jahren alles vorbei ist – OK, kein großer Verlust. Für mich ist es fantastisch, aber für die meisten Menschen ist es furchtbar. Sie enden irgendwo in einem kleinen Raum mit ihrer kleinen Pension und fragen sich, ob sie sich eine Dose Bohnen leisten können. Bis jetzt hat mein Alterungsprozess solche Dinge nicht notwendig gemacht. Aber alles was ich sage, hat mit meiner Wahrnehmung zu tun – wenn du privilegiert bist, kann dir das absolut nicht helfen, aber es beeinflusst deine Perspektive.
Wie stehst du zu deiner Figur? Das Stück wurde immerhin extra für dich geschrieben.
Ich glaube darüber habe ich nicht besonders viel nachgedacht. Ich setze mich eher selten in Beziehung zu jemand anderem. Was das angeht, existiere ich noch nicht einmal und bin in dem Moment auch nicht von Interesse.
Hast du für die Rolle singen gelernt?
Haha, ich habe heute Nachmittag damit anfangen. Nein, ich habe nie singen oder so was gelernt. Das tun andere für mich.
John Malkovich langweilt sich.
Du suchst dir immer Charaktere aus, die Schwierigkeiten mit den Frauen haben.
Naja, ich weiß nicht. Wenn du mir einen Charakter nennen willst, der es mit den Frauen leicht hat, wirst du eine Weile brauchen, um einen zu finden.
Du hast gesagt, dass du Recklinghausen magst – warum um alles in der Welt?
Wenn wir abseits der größeren Hauptstädte spielen, sind die Leute – naja, ich will nicht sagen dankbarer, weil sie außer ihrem hoffentlich glücklichen Leben nicht viel zu lachen hätten – es ist aber schon eine andere Wertschätzung, die vielleicht mit dem Mangel an Alternativen zu tun hat. Sie kommen her um etwas zu sehen – ich glaube jedenfalls nicht, dass Leute nach Recklinghausen kommen, um gesehen zu werden. Jemand hat mich mal nach dem Unterschied zwischen Wien und dem Ruhrgebiet gefragt. Wien hat wahrscheinlich die besseren Restaurants – aber Recklinghausen hat mehr Kirchenglocken. Man soll sich ja immer auf die positiven Sachen konzentrieren.
John Malkovich trinkt Kaffee.
Du stehst oft auf der Bühne – ist das Theater im Vergleich zum Filmgeschäft die größere Herausforderung?
Im Theater hast du engen Kontakt zu deinen Darstellerkollegen – wenn du eine Filmszene drehst, ist da hauptsächlich die Kamera und es spielt keine große Rolle, ob du oder dein Gegenüber anwesend ist oder nicht. Theater ist wie ein lebender Organismus und die Kommunikation ist eher wie ein Lebewesen. Filme haben erstmal keine Tiefe im Prozess ihrer Entstehung. Wenn wir einen Film machen, dürfen wir diesen Teil nicht mit dem verwechseln, den das Publikum später sieht. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Im Theater sind es zwei sehr ähnliche Dinge. Das Bild an dem du gearbeitet hast, ist das Bild, was du siehst. Das Bild, das du gemalt hast, ist beim Film definitiv nicht das, was du später siehst.
Die Pressekonferenz war eine ziemlich lahme Nummer und ein Haufen Journalisten lag wie in einem Schützengraben im Halbkreis um den Tisch mit einem offensichtlich gelangweilten Malkovich und drei anderen Leuten deren Namen ich leider vergessen habe. Sowieso waren alle nur wegen dem Typen aus Hollywood da. Und jedes mal, wenn im Gesicht von Mr. Malkovich irgendeine Gefühlsregung zu erkennen war, sind die Fotografen ausgerastet und eröffneten das Feuer wie Serious Sam in seinen besten Tagen. Wir haben auch mitgespielt und viele schöne Malkovich-Trophäen geschossen, die wir uns jetzt über den Kamin hängen.
Da sitzt man neben John Malkovich in Recklinghausen und überlegt, was für ein verrückter Trip das wohl sein könnte und wie man bei der Gelegenheit möglichst höflich nach der geheimen Tür zu seinem Gehirn fragt, und plötzlich ist er verschwunden. Er war wohl wahnsinnig beschäftigt und hatte noch schrecklich viele Termine – die Lady von der Logistik hat sich den armen Mann jedenfalls nach fünf Minuten unter den Arm geklemmt und ist mit ihm weggerannt. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob er wirklich da war. Aber ich hab ja dieses schicke Foto!
More
From VICE
-

Illustration by Reesa -

(Photo by Dave Benett/Getty Images for BGC Group) -

(Photo by John Nacion/Getty Images) -

(Photo by Julia Beverly/Getty Images)