Die meisten von uns können sich ganz genau an den 11. September vor 10 Jahren erinnern. Wenn man Leute danach fragt, was sie in den 102 Minuten machten, als die Türme am Hudson River in Flammen standen, hört man nicht selten: “Ich war betrunken”.
Die Erinnerung an den Tag im Herbst vor 10 Jahren gehören noch immer zu den prägendsten Momenten unseres Lebens. Der elfte September war so etwas wie unsere mediale Mondlandung. Doch wo wir noch genau abrufen können, was wir in diesem Moment gemacht haben, als sich die American Airlines Maschinen auf CNN in die Etagen der Twin Towers bohrten, ist es für die Generation nach uns eher ein blasser Nebel statt ein prägendes Ereignis.
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Das glauben wir zumindest. Um wirklich zu erfahren, was in den Köpfen der mittlerweile 18-jährigen ehemaligen Kinder vorgeht, haben wir uns mit den Schülern der John F. Kennedy Schule unterhalten, die am Sonntag auf der großen Gedenkfeier in Berlin aus Briefen von anderen Jugendlichen vorlesen werden, die ihre Eltern an eben diesem Tag vor 10 Jahren verloren haben.
Samantha (18)
VICE: Wie hast du den 11.9. erlebt?
Ich habs nicht ganz verstanden, und bin am Tag danach zu Freunden gegangen. Es war Thema Nummer 1. Viele Kinder in meiner Schule wussten auch nicht genau, worum es ging. Es hat mich nicht so sehr mitgenommen, weil ich Engländerin bin.
Wie veränderte sich die Welt für dich?
Man hat erst seitdem ein wirkliches Bild von Terroristen. Wenn man früher “Terrorist” hörte, hatte man keinen wirklichen Bezug dazu. Aber nun hat man den 11. September im Kopf.
Erik (18)
Was hast du gemacht, als die Flugzeuge in die Türme krachten?
Ich war 8 jahre alt, als der Anschlag stattfand, ich bin von der Schule heimgekommen und in Neukölln bin ich der einzige Amerikaner in meinem Block. Alle meine Nachbarn waren in unserem Wohnzimmer, um uns „beizustehen“. Wir haben den halben Tag Freunde und Verwandte in New York angerufen um zu fragen, ob alles in Ordnung ist.
Wie reagierst du auf islamische Mitbürger?
Ich wohne in Neukölln und viele meiner Freunde kommen aus dem Irak/Iran und sind islamisch. Ich kenne sie von klein auf. Ich weiß allerdings nicht, wie es wäre, wenn ich einen direkten Bezug zum 9-11 hätte, also wenn ich jemanden verloren hätte. Vielleicht würde ich dann auch Hass empfinden.
Sandra (19)
Wie hast du 9-11 erlebt?
Ich war in der Schule und plötzlich wurden wir heim geschickt. Ich kam nach Hause und mein Vater weinte. Ich sah ihn an diesem Tag das erste und letzte Mal weinen. Ich ging also auf mein Zimmer, denn ich wollte nicht stören.
Fühlst du dich seit den neuen Sicherheitsvorkehrungen überall geschützter?
Nein. Noch wurde kein Terrorist durch den Nacktscanner entlarvt, es ist eher eine Last. Europäische Flüge sind ohnehin nicht so gefährdet.
Chiara (18)
Wie veränderte der 11.9. die Welt für dich?
Ich konnte nicht realisieren, was passiert war, denn die Bilder im Fernsehen waren für ein Kind nicht aufschlussreich. Rassismus und Fremdenhass, die ohnehin schon grassierten, nahmen zu. Man sieht Leute mit Kopftüchern an, und sagt „So we can shoot people with towels on their head!“ – das habe ich in einer Schule gehört.
Was ist deine Meinung zu Osamas Tod?
Viele Amerikaner haben gefeiert und sich erlöst gefühlt. Aber für mich ist einfach nur ein Mann weniger da, der unbewaffnet zuhause saß und von Amerikanern erschossen wurde, die einfach eingedrungen sind. Mich hat diese Aktion nicht beeindruckt. „Endlich habt ihr was erreicht“ – das war die Hauptreaktion, aber was haben sie letzten Endes wirklich erreicht?
Jay (16)
Wie erinnerst du dich an diesen Tag?
Ich war 6 und gerade mit meiner Mutter unterwegs. Mein Vater rief an und spach von einem Flugzeug, das abstürzte. Ich erinnere mich aber kaum an Bilder. Deswegen stellte ich mir ein kleines Flugzeug vor, dass in ein vielleicht 3-stöckiges Haus stürzte.
Wie hat sich die Welt deiner Meinung nach seitdem verändert?
Man schließt, sobald man Terrorismus hört, auf Islamisten. Natürlich ist das eine irrationale Auffassung vom tatsächlichen Geschehen, aber man kann das wegen der Medien und der allgemeinen Meinung, kaum ändern.
Alanna (17) und Mira (17)
Erzählt doch mal, wie ihr den 11.9. wahrgenommen habt?
A: Ich habe kaum Erinnerungen an 9-11, ich war noch ein Kind, aber meine Eltern haben extremer darauf reagiert, denn wir sind nur knapp eine Woche vorher noch zuhause in den USA gewesen.
Habt ihr manchmal Angst vor Terrorismus in Berlin?
A: Es gab bereits Situationen, in denen ich aus dem Bus steigen wollte, weil ich Angst vor einem islamischen Mitbürger hatte. Natürlich sind diese Vorurteile falsch und nicht gerechtfertigt, aber dieses innere Gefühl ist schwer abzustellen.
M: Ich will diese Vorurteile eigentlich auch nicht haben. Aber wenn man als Amerikaner diese Geschichte miterleben musste, steckt das in einem tief drin.
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