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Was das Problem an 1,0er Abis ist

Eine Berlinerin hat alle 900 Punkte im Abitur geschafft—unsere 1,0-Absolventin in der Redaktion erklärt, warum solche Streber wie sie Teil eines gesellschaftlichen Missstands sind.

von Sofia Faltenbacher
21 Juli 2016, 9:45am

900 Punkte, mehr kann ein Abiturient nicht erreichen. Zum ersten Mal—seit es in Berlin eine zentrale Abi-Auswertung gibt—hat das eine Schülerin geschafft. Das bestmögliche Abitur. Das makellose Abi-Zeugnis gehört der 18-jährigen Antonia Arndt, die lustigerweise denselben Nachnamen trägt wie ihre Schule: das Arndt-Gymnasium in Berlin-Dahlem.

270 Schüler aus Berlin haben dieses Jahr ein 1,0er Abi geschafft, in Deutschland waren es im letzten Schuljahr etwa 4.500. Wer sind diese Menschen, wie ticken sie?

Vier Mädchen haben in meiner Jahrgangsstufe vor zwei Jahren ein 1,0er Abitur gemacht. Drei von ihnen hatten dasselbe Ziel: das Medizinstudium. Die andere hatte einfach einen Knall und schreibt jetzt für VICE.

Wie wir gehört auch Antonia zu einer großen Gruppe von 1,0ern, die zwei Dinge gemeinsam haben: Erstens sind wir weiblich und zweitens sind wir weiß. Über die Benachteiligung von Jungs in der Schule haben sich Journalisten und Wissenschaftler in den letzten Jahren die Finger wundgeschrieben. Und leider ist auch schon seit Jahren bekannt, wie sehr unser Schulssystem Migranten oder Kinder von Migranten benachteiligt. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen: Menschen mit Migrationshintergrund werden schneller zu Schulabbrechern als "Biodeutsche".

Die Ungerechtigkeit hat System. Akademiker-Eltern bekommen Akademiker-Kinder, oder wie die HipHopper der Antilopen Gang es ausdrücken: "Kommilitonen ficken Kommilitonen und heraus kommen Kommilitonen."

Ein Grund dafür ist nicht nur, wie und mit welcher Muttersprache ein Mensch aufwächst, sondern wie Lehrer Schüler wahrnehmen. Der Mensch denkt in Schubladen. In einer Klasse mit 30 Schülern ist es kaum möglich, jeden in all seinen Facetten zu erkennen. Kein Lehrer kann erzählen, dass er diese Bilder nicht im Kopf hat: der Hänger, der Klassenclown, oder eben die Einserschülerin.

Bei mir blieb immer das unbefriedigende Gefühl zurück, dass mittelmäßige Texte sehr guter Schüler besser bewertet werden als mittelmäßige Texte sehr schlechter Schüler. Bei einer Schülerin, die ohnehin als Supertalent bekannt ist, gibt ein Lehrer vielleicht doch 15 Punkte, wo es auch 14 sein könnten. Dass unterschwellige Sympathien eine große Rolle spielen, ist ein offenes Geheimnis.

Nun möchte ich Superbrain Antonia deswegen nicht absprechen, eines zu sein. Die 900-Punkte-Abiturientin sagte dem Tagesspiegel: "Ich habe nicht damit gerechnet, weil ich bei den Prüfungen kein perfektes Gefühl hatte." Ein Zweifeln, nie ganz zufrieden sein, nach 15 Punkten strebend. Hinter Letzterem steckt ein "sich selbst etwas beweisen". Das kann ein Gefühl der Lust erzeugen, das ich kenne. Der Moment, in dem Mathe verständlich wird, das Gefühl, sich viel merken zu können. Aber wer sagt, über zwei Jahre lang in jedes noch so bescheuerte Thema Energie gesteckt zu haben, nur weil es Spaß macht, der lügt. Frei nach Adorno: Erfolg ist auch nur eine positiv ausgelebte Form der Wut.

Für das perfekte Abitur muss wohl beides zusammenkommen. Der Mensch, der sich selbst pusht—ob aus Druck, Lust oder Wahnsinn. Und die Tatsache, dass es für Schüler mit Spitzennoten ab einem gewissen Punkt einfacher wird, exzellente Noten zu schreiben.

Traurig bleibt: Einige werden dort nie hinkommen, obwohl sie das Zeug dazu hätten.

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