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Die Dekadenz der Langeweile

Früher war freie Zeit kostbar, heute wissen wir nichts mehr mit uns anzufangen, wenn das W-Lan ausfällt. Ist Prokrastination ein Problem der Moderne?

von Lisa Arhelger
22 September 2015, 12:57pm

Foto: Chang Liu | Flickr | CC BY 2.0

Aus Langeweile machen wir Menschen der Generation ‚heutzutage-muss-jede-kack-Generation-mit-einem-Buchstaben-abgekürzt-werden-um-ihr-Bedeutung-zu-verleihen' viele dumme und sinnlose Sachen. Ich weiß das, weil ich bis eben vor dem Fernseher lag—im Hintergrund lief der Vorspann von Sex and the City in Endlosschleife—und eine halbe Stunde lang diverse Krankheiten gegoogelt habe. Danach war mir noch langweiliger und auch ein wenig schlecht (habe herausgefunden, dass ich an Narkolepsie oder zumindest an Restless Legs leide). Daraufhin ersteigerte ich ein supersüßes Gina-Tricot-Top (auch, um mir mal was Gutes zu tun) und jetzt bearbeite ich großporige Obst- und Gemüsepics für Instagram. Wusstet ihr, dass viele Orangen an Orangenhaut leiden? Kein Problem, wenn man eine dieser Gesichtsoptimierungs-Apps besitzt.

Das war natürlich nicht immer so. „Rumoxidieren" setzt den Luxus voraus, Zeit zu haben. Wie gammeln wir heute, wie gammelten unsere Gründerväter? War uns als Kind weniger langweilig? Ich beschloss, meine Zeit sinnvoll zu nutzen und der Langeweile auf den Grund zu gehen.

Früher war alles besser

„Man hat gehäkelt", sagt meine Mutter stolz. „Gehäkelt und gestickt. Früher. Und so oft war einem gar nicht langweilig." „Das stimmt", findet auch mein Vater, der seinerzeit viel Zeit mit dem richtigen Zusammenlegen von Hemden verbracht hat. Und mit dem Schulweg. Und mit dem Schreiben von Briefen. Weil heute alles so schnell gehen muss, hat man viel mehr Zeit. Zeit, mit der man etwas Sinnvolles machen könnte. Oder auch nicht.

Bekannte von mir behaupten, es gäbe keine Langeweile mehr, weil uns heute reizüberflutend viele mediale und soziale Möglichkeiten zur Bekämpfung des Unbehagens zur Verfügung stehen als damals. Ich sage aber, dem ist nicht so. Trotz oder gerade weil wir heute so viele Möglichkeiten haben, ist uns kaum mehr ein müdes Lächeln zu entlocken. Die Anforderungen an unsere „Quality Time" sind so sehr gestiegen, dass ganz oft ein einzelner Reiz gar nicht mehr ausreicht, um uns zu befriedigen. Nur Sex? Lame. Viel besser: Selfies posten vom Sex an einem Steilhang in Patagonien. Check.

Foto: simpleinsomnia | Flickr | CC BY 2.0

So hat man sich vor Social Media die Zeit vertrieben

Mit den Nachbarskindern spielen
Als ich noch jung war, haben wir immer „Alien" gespielt. Das war so was wie Fangen und Verstecken. Leider musste ich mich öfter mal verstecken, weil einige Nachbarsjungen meine Familie doof fanden und meine Geschwister und mich deshalb manchmal hauen wollten. Die Erwachsenenvariante hiervon war der Besuch einer örtlichen Tanzlokalität. Ohne Hauen dann meistens. Heute ist das so eine Sache mit den Nachbarn. Kennst du deine? Also ich nicht. Außer den Quoten-Typ, der etwas creepy ist, einen Jahrhunderte alten Mietvertrag hat, und von sich selbst glaubt, er sei der Hausmeister und müsse „nach dem Rechten sehen".

Selbstbefriedigung
Darauf muss ich jetzt gar nicht näher eingehen. Versuch nicht, dich raus zu reden. Dir war halt langweilig und Nachbars Kurt und Hildrun durften auch nicht raus spielen kommen, weil es Abendessen gab. Heute ist es mit Selbstbefriedigung wie mit Schokolade (oder Pornos): wenn sie immer verfügbar ist, verliert sie den Reiz.

Musizieren
Die Leute der Generationen U-W (oder nicht? Ich komme da immer durcheinander. In welchem Jahrhundert war eigentlich die Generation A oder wird das erst gezählt, seitdem es Emo-Tweets gibt?) waren im Gegensatz zu uns heute nicht nur die puren Konsumenten. Sie konnten auch geben und nicht nur nehmen. Und somit spielten sie zum Beispiel an gar manchem lauschigen Sommerabend liebliche Melodeien. Einfach so. In Gruppen. Der eine spielte Akkordeon, der nächste Mandoline und gesungen wurde auch. Hach, schön! Davon könnte sich dieser David Guetta mal was abschneiden.

Noisey: Ein offener Brief an David Guetta.

Gemein zu Tieren sein
Ich möchte hier niemanden verpetzen, Kolja aus der 5B, aber ich habe ganz genau gesehen, was ihr mit der Lupe und den Ameisen gemacht habt, ihr Mistschweine!

Überleben
Hier muss ich natürlich bereits einige Generationen zurückgehen, aber es gab mal eine Zeit, da die Menschheit müde vom Krieg war und keine Muße besaß für Müßiggang. Ein guter Bekannter älteren Jahrgangs erzählte mir, dass seine Mutter Zeitungen (für die Jüngeren unter uns: Das sind auf echtes Papier gedruckte Nachrichten) aus 15 Jahrgängen in ihrem Keller stapelte—in der Hoffnung, diese später einmal lesen zu können. Leider kam der Zeitpunkt nie. Die letzten Exemplare entrümpelte mein Bekannter aus dem Schuppen eines Nachbarn, als sie 93 Jahre alt war.

Warten
Geduld ist eine Tugend, die uns immer mehr abhanden kommt. Man merkt es heute beim Autofahren („Grüner wird's nicht, du Vollotto!!) oder auch in der Supermarktschlange („Entschuldigen Sie, ich hab nur vier Packungen Tampons, darf ich vor?") Damals wartete man noch auf den Omnibus und während man das tat, tat man nur das. Verharren und im Augenblick leben ist etwas, worin unsere Eltern und Großeltern viel, viel besser waren. Etwas, das wir heute wieder mühsam auf pinkfarbenen Yogamatten erlernen müssen.

Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Womit wir heute Zeit totschlagen

Stalken
Virtuell, versteht sich. Die Art von Stalking, wo Leute mit heruntergelassener Hose sabbernd im Gebüsch stehen und die Playtaste ihres Camcorders drücken, ist a) strafbar, b) viel zu anstrengend und c) gar nicht witzig und niemandem zu wünschen. Online bleibt das Ganze allerdings eine sehr beliebte Beschäftigung. Eben wolltest du nur einen ganz kurzen Blick in den Facebook-Account der neuen Flamme deines Ex-Ex werfen, im nächsten Moment stalkst du schon das Privatleben einer völlig unbekannte Person. Einfach, weil du es kannst und sowieso nichts Besseres zu tun hast.

Komplett irrelevante Dinge googeln
Der Zugriff auf den universellen Schrein der Weisen ist eine der besten Errungenschaften unserer gegenwärtigen Zeit. Egal, was du wissen möchtest, welches Wort, welche Krankheit, welchen verrückten Fetisch du suchst—frag die Suchmaschine deines Vertrauens! Es ist stets eine Quelle der Erheiterung (nun ja, manchmal auch der Grund, weshalb man panisch in die nächste Notaufnahme rennt, nachts um halb vier), sorgt für Kurzweil und Aufklärung und liefert Videos, Fakten und Bilder zu eigentlich allem. Googeln sollte in die olympischen Disziplinen aufgenommen werden.

Meckern
Im Gegensatz zu früher, als die Leute noch Gründe hatten, sich zu beschweren, ist das Meckern heute zu einer Art Lifestyle verkommen. Ich bin da leider das beste Beispiel. Es ging schon manch ein Donnerstag ins Land, an dem ich mich neben meinen Freundinnen mit den neuesten Ausgaben von InTouch und Grazia im Café niederließ, vor mir ein dampfendes Frühstück und ein freier Tag, und in mir nichts als Wut und passiv-aggressive Gesprächsthemen. Irgendwas ist ja immer.

Ernährung als Ersatzreligion
Da Religion mittlerweile relativ out ist, hat der gemeine Großstädter begonnen, wahlweise DJs als Gottheiten auszurufen (früher ging man sonntags um zehn in die Kirche, heute geht man ins Berghain) oder eben aus seiner Ernährung eine Art Religion zu machen. Was teilweise mit viel Aufwand verbunden ist und dadurch sehr geeignet zur Bekämpfung von Langeweile. Egal ob glutenfrei, vegan, Paleo oder makrobiotisch—deine Ernährung umzustellen, erfordert Disziplin. Pläne müssen aufgestellt, Rezepte gescreenshottet und Lebensmittel so zubereitet werden, dass man sie nachher noch gut fotografieren und online stellen kann. Leider sind viele Lebensmittelunverträglichkeiten auch erst in den letzten Jahrzehnten aufgekommen. Eine Tatsache, die Wissenschaftler unter anderem mit der Veränderung unseres Lebensstils begründen. Wir sind zu sauber und dafür zu gestresst. Damit einher geht auch eine gewisse „Awareness" seines Körpers und vielfältige sportliche Aktivitäten. Schon in der Bibel steht: „Dein Körper ist dein Tempel". Dann ist es wohl das Mindeste, deine Tempelmauern nur mit—bei Vollmond abgefülltem—Fiji-Wasser durchzuspülen.

Alles, aber nichts Produktives
Prokrastination, oder auch „merkeln", wie die Generation Z zu sagen pflegt, ist die böse kleine Schwester der Langeweile. Eigentlich ist es nicht so, dass du Zeit hast, die ersten drei Staffeln von Game of Thrones zum vierten Mal zu schauen. EIGENTLICH musst du etwas Dringendes erledigen. Oder eine wichtige Entscheidung treffen. Eigentlich. Trotzdem machst du was ganz Anderes. Warum? Weil wir Menschen nun mal gerne den Weg des geringsten Widerstandes gehen und deshalb unangenehme Aufgaben lieber auf den nächsten Tag (oder bis zur nächsten Mahnung/Rechnung/Wutanfall vom Mitbewohner) verschieben. Wissenschaftler unterscheiden dabei den Typ „Ich bin noch geiler, wenn mir einer Druck macht und warte deshalb bis auf den letzten Drücker" und den Typ „Ich habe Angst zu versagen und der Druck von außen macht es noch schlimmer". Für solche Selbstfindungsprobleme hatte man früher oft keine Zeit und leider auch kein Verständnis. Mein Opa ging zur Arbeit, wenn er zur Arbeit gehen musste. Jeden Tag. Wenn er nicht ging, war er krank. Fun-Fact: Früher war man übrigens seltener, aber dafür meistens schwerer krank.

Tindern
Tinder ist der Otto-Katalog des 21. Jahrhunderts (manchmal leider im wahrsten Sinne des Wortes). Man(n) blättert sich abends so durch die Auslagen und fragt sich, wie lange man jemanden benutzen und dann wieder ins Warenhaus zurück schicken kann, wenn er nicht passt. Wie ein Kommunionskleid. Nebenbei trocknet der Fußnagellack. Dating-Apps sind ein toller Zeitvertreib. Anno dazumal ging eine Menge Zeit damit drauf, sich zu überlegen, wie man mit der Person seiner Träume in Kontakt kam. Es wäre recht merkwürdig gewesen, ebenjener, nach einem kurzen Blick, rechts oder links eine zu wischen.

Foto: Alison | Flickr | CC BY 2.0

Ist Langeweile also ein modernes Problem?

Vom Wort „Langeweile" gibt es keinen Plural. Eine Weile ist eben eine unbestimmte Menge an Zeit. Der Begriff als solches und damit der Bedarf, das Gefühl der Untätigkeit in ein Wort zu kleiden, besteht seit dem 14. Jahrhundert. Was hat sich geändert? Die Qualität unseres „Nichtstuns" ist eine andere geworden. Nichts tun per se existiert nicht mehr. Ein schwedisches Sprichwort sagt: „Der Überfluss ist die Mutter aller Langeweile." Wir haben heute Beschäftigungsmöglichkeiten in inflationärem Ausmaß. Wir können alles tun, was wir wollen und meistens auch, wann wir es wollen. Wir können zwischen hundert Arten Frühstücksflocken wählen. Unsere Ausbildungen sind abwechslungsreicher und unsere Reisen bunter denn je. Die Welt liegt uns quasi zu Füßen—und wir? Langweilen uns.

Wir wollen mehr—krassere Kicks, bessere Dates, kulinarische Geschmacksexplosionen und wir wollen überrascht werden. Uns haut kaum noch was vom Hocker, weil wir alles schon mal gesehen haben. Durch Smartphones ist unsere Zeit ganz anders organisiert: Wir machen alles auf einmal, aber nichts mit ganzem Herzen. Wir essen im Vorbeilaufen und brauchen im Büro einen Zwangs-Powernap, weil wir so müde sind. Erschöpft von all den Möglichkeiten sind wir taub, Schönes noch zu bemerken. Wir können nicht mehr auf etwas warten. Wir können nicht mehr nur eine einzige Sache machen. Alles wollen wir haben (am besten schon gestern), und wenn wir es haben, langweilt es uns.

Früher war es leichter, Leuten eine Freude zu machen. Sie zu überraschen. Überrascht zu werden. Wir sind kleine, verzogene Apathie-Moster geworden. Ich will jetzt nicht wieder so emo-youtubevideos-mäßig auf die Tränendrüse drücken, nach dem Motto: „Du hättest deine große Liebe treffen können, aber du hast nichts gesehen, weil du mit deinem Mobiltelefon beschäftigt warst!" (Davon abgesehen ist es meistens eher „Ich bin gegen den Laternenpfahl da gelaufen und hab ein Kind und einen Hund mitgerissen, weil ich auf eine Whatsapp-Nachricht wartete und jetzt will meine Versicherung für nichts bezahlen.") Vielleicht müssen wir wieder anfangen, neugierig zu sein auf unser Leben, statt nur gierig nach Neuem. Dann können wir auch wieder die Zeit aushalten, die zwischen zwei spannungsgeladenen Höhepunkten liegt. Ohne Facebook, ohne Frustkäufe und ohne das ständige Gefühl, entweder zu Tode gestresst, oder zu Tode gelangweilt zu sein.


Titelfoto: Chang Liu | Flickr | CC BY 2.0