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Zwei Programmierer haben alle denkbaren Melodien komponiert

Und sie für alle frei verfügbar gemacht. Damit wollen sie die Copyright-Gesetzeslage revolutionieren.
05 März 2020, 4:00am
Eine Person spielt Gitarre
Symbolfoto: Getty Images

Dank Damien Riehl und Noah Rubin gibt es keine Melodie mehr, die es nicht gibt. Da es innerhalb einer Oktave nur eine begrenzte Anzahl an Melodien gibt, haben Riehl und Rubin einen Algorithmus entwickelt, der jede mögliche Kombination aus acht Noten in einer Länge von zwölf Tönen komponierte. Praktischerweise hat das System die Melodien dann gleich im MIDI-Format aufgezeichnet und auf einer Festplatte gespeichert. Dabei kam das gleiche Prinzip zum Einsatz, das auch manche Hacker nutzen, um Passwörter zu knacken: Der Algorithmus arbeitete sich so lange durch alle denkbaren Notenkombinationen, bis keine mehr übrig war. Laut Riehl entstanden so 300.000 Melodien pro Sekunde.

Die Programmierer, die auch Musiker sind, haben das Ganze daraufhin mit einem Copyright versehen und dann wieder für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht. So wollen sie verhindern, dass Musiker und Musikerinnen weiter wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt werden können.

Damien Riehl, der auch als Urheberrechtsanwalt tätig ist, hat es sich zusammen mit seinem Kollegen Noah Rubin zum Ziel gesetzt, Copyright-Klagen einen Riegel vorzuschieben – denn die würden die kreative Freiheit aller Künstler und Künstlerinnen beschneiden.

Bei Urheberrechtsfällen zu Liedermelodien ist es oft so: Wenn die verklagten Künstler irgendwie Zugang zu der angeblich nachgemachten Musik gehabt haben könnten – selbst wenn diese nur ein einziges Mal gehört wurde –, dann kann man ihnen vorwerfen, sich das Originalmaterial "unterbewusst" zu eigen gemacht zu haben. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Behauptung des Musikers Tom Petty, dass Sam Smiths "Stay With Me" zu sehr nach seinem Song "I Won't Back Down" klinge. Smith musste Petty letztendlich als Mitkomponisten angeben, wodurch Petty auch Tantiemen zustanden.

Sich in einem solchen Fall vor Gericht zu verteidigen, kann sehr viel Geld kosten – und das Ergebnis ist immer ungewiss. Riehl und Rubin hoffen, dass sie mit der Veröffentlichung der Melodien in Zukunft verhindern, dass viele solcher Fälle vor Gericht überhaupt Bestand haben.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Melodien im MIDI-Format gespeichert wurden. Denn so sind Noten nur Zahlen. "Unter dem Urheberrechtsgesetz sind Zahlen Fakten – und bloße Fakten haben entweder nur wenig oder gar kein Copyright", sagte Riehl bei seinem Vortrag. "Wenn diese Zahlen seit Anfang der Zeit existieren und wir sie nur zusammenstellen, dann sind Melodien vielleicht nur Mathematik, damit nur Fakten und damit nicht urheberrechtlich schützbar."

Alle generierten Melodien und der Code des Algorithmus sind bei Github und im Internet Archive frei verfügbar. Wie auf der Website des Projekts zu lesen ist, haben Rubin und Riehl die Melodien unter der Creative-Commons-Zero-Lizenz veröffentlicht. Das bedeutet, dass sich die beiden keine Rechte daran vorbehalten haben.

Ob diese Taktik vor Gericht wirklich funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Urheberrechtsgesetze sind sehr kompliziert. Es ist nur schwer zu sagen, ob ein Gericht Riehl wirklich als den Komponisten einer Melodie ansehen würde, die von einem anderen Künstler berühmt gemacht wurde.

Riehl sieht das Ganze aber optimistisch: "Wenn es wirklich nur um die Melodie geht, landen solche Klagen in Zukunft vielleicht gar nicht mehr vor einem Richter." Und selbst wenn dem nicht so sein sollte: Ein interessantes Projekt hat der Programmierer und Musiker allemal geschaffen.

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